Die Tatra-Story geht weiter
Die Tatra-Story geht weiter
Veröffentlicht am: Dienstag, 09. März 2010Während sich in Leipzig die Ära der stadtbekannten Tatra-Straßenbahnen nach den letzten Hauptuntersuchungen schrittweise, aber unaufhaltsam dem Ende zuneigt, bekommen andere Fahrzeuge dieser Bauart die Chance auf ein "neues Leben" im bulgarischen Sofia.
LVB/Siemens-Tochter IFTEC GmbH & Co. KG positioniert sich auf dem Instandhaltungsmarkt:
Es gibt wohl kaum einen Leipziger, der nicht mindestens einmal in seinem Leben in einer Tatra-Straßenbahn gesessen oder gestanden hat. Seit 1969 gehören die vierachsigen Trieb- und Beiwagen zum Stadtbild. Gebaut wurden die Fahrzeuge im Tatra-Werk Prag-Smichov speziell für die damals im RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschafts- hilfe) versammelten Ostblock-Staaten. Allein die Leipziger Verkehrs-betriebe hatten in Spitzenzeiten rund 1.000 Tatras im Bestand und stellten damit eine der größten Flotten hierzulande.
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Mario Blumstengel, Geschäftsbereichsleiter Schienenfahrzeuge bei der IFTEC GmbH, in einem der Tatra-Züge, die bald im bulgarischen Sofia fahren |
Eine Classic XXL-Straßenbahn ersetzt drei Tatras
Im Januar dieses Jahres fand in der Hauptwerkstatt Heiterblick der IFTEC GmbH & Co. KG in Leipzig die letzte Hauptuntersuchung (HU) an einem der noch eingesetzten Leipziger Tatra-Triebwagen statt. Die IFTEC ist ein Gemeinschaftsunternehmen der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB 50%) sowie der Siemens AG (Transportation Systems 50%). Der Gesetzgeber schreibt vor, dass die Fahrzeuge nach einer Laufleistung von 500.000 Kilometern bzw. nach acht Jahren eine HU bekommen müssen. „Das bedeutet, dass 2018/19 im Liniennetz der Leipziger Verkehrsbetriebe die letzten Tatras über die Schienen rollen", so Mario Blumstengel. Er ist Geschäftsbereichs-leiter Schienenfahrzeuge bei der IFTEC. Bis dahin, so Blumstengel, müsse die Modernisierung der LVB-Fahrzeugflotte abgeschlossen sein. Begonnen hatte diese Phase im Jahr 1994, als die ersten achtachsigen Niederflurfahrzeuge der Baureihe NGT 8 angeschafft wurden. Inzwischen sind davon 56 Triebwagen in Betrieb, dazu kommen 38 Niederflur-Beiwagen. Komplettiert wird der modernisierte LVB-Fuhrpark durch 32 Leoliner sowie 24 Classic-XXL-Straßen- bahnen vom Typ „Flexity Classic". In den nächsten zwei Jahren kommen weitere 18 Leoliner sowie neun XXL-Züge hinzu. Zum Vergleich: Eine 45 Meter lange Classic-XXL-Bahn ersetzt drei der jeweils 15 Meter langen Tatra-Wagen.
Weil aber die Modernisierung der Fahrzeugflotte eine langwierige Angelegenheit ist, ließen die LVB in der Hauptwerkstatt Heiterblick bereits in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts die ersten Tatra-Fahrzeuge generalüberholen und erneuern. Dabei wurden 167 Triebwagen des Typs T4D sowie 45 Beiwagen des Typs B4D modernisiert. Unter anderem wurde der Fahrgastraum mit neuen Sitzen, Heizungen sowie Klimaanlagen für den Fahrerstand auf- gewertet. Außerdem erhielten die Tatras neue Drehgestelle mit spezieller Dämpfung. Mario Blumstengel: „Die Leipziger Verkehrs- betriebe sind immer zweigleisig gefahren: Die Flotte wurde parallel erneuert und modernisiert."
„Wir kannten die Probleme der Sofioter Kollegen"
Doch je mehr neue Fahrzeuge zum Einsatz kommen, desto größer wurde und wird die Zahl der Tatra-Bahnen, die ausrangiert werden müssen. Doch wohin damit? Alle verschrotten? „Uns kam dann zugute, dass die Kollegen im bulgarischen Sofia mit ihren Problemen im Fahrzeugpark jetzt dort angekommen sind, wo wir vor 20 Jahren waren", so der IFTEC-Geschäftsbereichsleiter. Denn die Frage- stellung, ob neue oder modernisierte gebrauchte Straßenbahnen anzuschaffen seien, habe man in Leipzig gut nachvollziehen können, so Blumstengel.
Wobei die bulgarische Seite noch ungünstigere Bedingungen habe als vor Jahren die Leipziger: So gibt es in Sofia zwei verschiedene Spurweiten für Straßenbahnen (1435 mm und 1009 mm). Die Infra- struktur ist schlecht ausgebaut, die Gleise lassen gegenwärtig keine Niederflurfahrzeuge zu. Die Werkstätten sind nicht auf dem modern- sten Stand und es gibt viel zu viele verschiedene Fahrzeugtypen. Gedanken an Neufahrzeuge wurden in Sofia erst einmal wieder ad acta gelegt. Eine erste Ausschreibung für Gebrauchtfahrzeuge im Jahr 2008, an der auch die Leipziger teilnahmen, wurde ergebnislos aufgelöst.
Ein Jahr später wurde in Sofia ein zweiter, modifizierter Wettbewerb für Gebrauchtfahrzeuge beider Spurweiten veröffentlicht. Unter den drei Anbietern machte die IFTEC dann das Rennen für die Lieferung von 15 modernisierten Tatra-Triebwagen T4DM sowie 15 Beiwagen B4DM. „Die Bulgaren haben mit dieser Ausschreibung eine Strategie für ihre Fahrzeugsparte entwickelt, die uns sehr entgegenkommt. Wir wollen und können jetzt mit ihnen eine langfristige, kollegiale Zusammenarbeit entwickeln", sagt Mario Blumstengel. Abgesehen davon erhielten die Leipziger Tatras die Chance auf ein „neues Leben" und man verdiene noch etwas an den ausrangierten Tatra-Bahnen.
„Wir haben bei den Gesprächen in Sofia auch schnell gemerkt, dass es um mehr geht als den reinen Fahrzeugkauf", erinnert sich Blum- stengel. Das Leipziger Unternehmen wolle deshalb den Fahrzeug- wechsel der bulgarischen Geschäftspartner begleiten und mit einem intensiven Know-how-Transfer verbinden. Die Kollegen in Sofia erhalten ein umfangreiches Schulungsprogramm für die Tatra-Fahrzeuge. Außerdem werden Ersatzteile und Werkstatt-Ausrüstungen bereitgestellt. In der ersten Zeit stehen zwei Spezial-isten von IFTEC aus Leipzig den bulgarischen Kollegen hilfreich zur Seite. Im April gehen die ersten fünf Fahrzeuge auf die Reise von Leipzig nach Sofia.
Mit dieser erfolgreichen „Tatra-Story" hat sich die Leipziger IFTEC mit ihren derzeit rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf dem hart umkämpften Instandhaltungsmarkt einen Namen gemacht. Zum Beispiel beim UITP, dem Internationalen Verband für öffentliches Verkehrswesen. Dieser hat ein Projekt namens „Sputnik" aufgelegt, in dem genau solche Fragen der Infrastruktur- sowie Fuhrparkent- wicklung behandelt werden. Der Umgang der Leipziger mit ihren Tatras wurde und wird hier sehr aufmerksam betrachtet. Mit dieser erfolgreichen Vermarktung von Tatra-Fahrzeugen werden zugleich in Leipzig Arbeitsplätze erhalten und Finanzmittel für die gesamte LVB-Gruppe erwirtschaftet.
SBu/Bs
Weitere Informationen:
- 30 Tatras für Sofia
- IFTEC-Mitarbeiter schlossen letzte Tatra- Hauptuntersuchung ab
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